Das schweizerische Verbandssystem zwischen Korporatismus und Gruppenpluralismus

(Der folgende Text wurde im Rahmen des Seminars «Interessengruppen und soziale Bewegungen» bei PD Dr. Michelle Beyeler am IPZ eingereicht)

  1. Einführung[1]

Verbänden kommt im politischen System der Schweiz traditionell eine bedeutende Rolle zu (Vatter 2014: 159). Einerseits organisieren und akkommodieren sie disparate Interessen auf betrieblicher und überbetrieblicher Ebene und potenzieren durch den Zusammenschluss ihre Einflussmöglichkeiten auf die Politik, deren Repräsentanten und Institutionen. Somit agieren sie als Intermediäre zwischen der Wirtschaft, deren Stimme sie sind, und der Politik. Andererseits wirken sie ganz wesentlich am politischen Willensbildungs- und Vollzugsprozess mit und nehmen damit eine wichtige performative Funktion im politischen System ein.

Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts gehören sie zu den dominantesten Akteuren im politischen Gefüge (Mach 2014: 2). Diese privilegierte Machtposition erodiert jedoch zusehends. Die Klärung der Fragen weshalb das so ist, woran sich der Wandel konkret festmachen lässt und was die Konsequenzen dieser neuen Entwicklung sind, ist Gegenstand der vorliegenden Arbeit.

In einem ersten Teil werden die Charakteristiken des schweizerischen Verbandssystems in groben Zügen präsentiert und in den historischen Kontext gesetzt, damit der Wandel überhaupt als ein solcher greifbar wird. Auf dieser Grundlage wird in einem zweiten Teil auf die konkreten Veränderungen und deren Ursachen eingegangen. In einem dritten Teil schliesslich wird eruiert, was diese Veränderungen auf systemischer Ebene für das triadische Beziehungsgeflecht zwischen Sozialpartnern und staatlichen Institutionen impliziert. Zum Schluss folgt ein bilanzierendes Fazit, in welchem die wichtigsten Erkenntnisse nochmals in knapper Form umrissen werden. Der Aufbau der Arbeit folgt den eben genannten Arbeitsschritten.

  1. Charakteristika des schweizerischen Korporatismus

Peter Katzenstein hat in seiner viel beachteten Studie (1984) zum Korporatismus in der Schweiz und Österreich den demokratischen Korporatismus wie folgt definiert:

«[…] interest-group system that is characterized by a voluntary and informal coordination of conflicting objectives through continuous political bargaining among interest groups, state bureaucracies, and political parties.» (Katzenstein 1984: 27)

Die Schweiz repräsentiere auf idealtypische Weise die liberale Variante dieses Korporatismuskonzepts. Erstens, weil die Gewerkschaften gegenüber den Arbeitgeberverbänden untervertreten sind. Zweitens, weil die industriellen Akteure vergleichsweise nur schwach in die staatlichen Institutionen und politischen Entscheidungsprozeduren eingebettet sind und drittens, da das Verbandssystem dezentral und nur schwach organisiert ist (wiederum vor allem die gewerkschaftliche Seite). Die Verbände sind also eher schwach in übergeordnete Dachverbände integriert (Katzenstein 1984: 27 f., ferner Sciarini 2014: 118).

Um zu verstehen, weshalb sich der Schweizer Korporatismus durch eine sehr asymmetrische Beteiligung der kollektiven Partner auszeichnet, weshalb der Bund und das Parlament in diesem Zusammenhang über einen langen Zeitraum hinweg nur eine beiläufige Rolle spielte und weshalb das Verbandssystem vergleichsweise stark fragmentiert ist, ist ein kurzer Rückblick notwendig.

Bereits während des Ersten Weltkriegs emergierten erste korporatistische Strukturen: Die Verbände übernahmen während der Kriegszeit parastaatliche Funktionen, etwa im Bereich der Lebensmittelversorgung. Die Beteiligung im politischen Vollzugsbereich wurde kontinuierlich ausgebaut und auf andere Politikbereiche ausgeweitet (Sozialversicherungen, Sozialpolitik, Berufsbildung, Regulierung des Arbeits- und Finanzmarkts, etc.) (Vatter 2014: 185). Dieses «Zusammenrücken» von Verbänden und Staat ist auch als eine direkte Folge des 1874 auf Bundesebene eingeführten fakultativen Referendums zu verstehen. Durch das Referendum hatten die kollektiven Akteure fortan ein wirkmächtiges Veto-Instrument, mit dem sie das politische System bei Interessenkonflikten gezielt blockieren konnten. So wurden sie zu wichtigen Verhandlungspartnern bei sozial- und wirtschaftspolitischen Streitfragen und die vorparlamentarische Arena wurde infolgedessen zum entscheidungspolitischen Zentrum (Mach 2014: 4). Hervorzuheben ist, dass gerade die Gewerkschaften in Zusammenarbeit mit den Linksparteien in den 1930er Jahren aktiv direktdemokratische Kanäle nutzen, um ihre minoritäre Position im korporatistischen System zu kompensieren (Mach 2014: 4). Zwar verloren sie praktisch sämtliche Abstimmungen, doch indirekt konnten sie so einen gewissen Einfluss auf die politische und öffentlich-mediale Agenda ausüben und Sichtbarkeit für ihre politischen Anliegen erzeugen.

Aber nicht nur im Vollzugsbereich, sondern auch im Bereich der Politikformulierung erlangten die Sozialpartner eine immer grössere Bedeutung. Während die tripartiten Beziehungen in der Zwischenkriegszeit primär informeller Natur waren, so wurden sie nach dem Zweiten Weltkrieg immer mehr formalisiert und institutionalisiert und fanden 1947 sogar Eingang in die Bundesverfassung (Hangartner 2015).

Eine privilegierte und dominante Stellung kam dabei stets den Arbeitgeberverbänden zu. Sowohl im Bereich der Politikformulierung in den ausserparlamentarischen Kommissionen und im vorparlamentarischen Vernehmlassungsprozess, in der Bundesverwaltung, als auch gegenüber Arbeitnehmerverbänden bzw. Gewerkschaften (Mach 2014: 1 f., Sciarini 2014: 118). Dieses Ungleichgewicht hat eine Vielzahl von Ursachen, deren Ergründung nicht Absicht dieser Arbeit ist. Es lässt sich jedoch sagen, dass sich die Arbeitgeberinteressen schon viel früher und viel besser organisierten als diejenigen der Arbeitnehmer. Deswegen konnten sie wesentlich effizienter und vor allem erfolgreicher für ihre Interessen bzw. die Interessen ihrer Mitglieder lobbyieren. Zudem konnten die Gewerkschaften nie einen Deckungsgrad der Gesamtarbeitsverträge von über 50% erzielen und der durchschnittliche Organisationsgrad, der den Anteil der in Gewerkschaften organisierten Arbeitnehmern im Verhältnis zu allen Arbeitnehmenden reflektiert, lag bei rund 22% gegenüber 60-80% auf der Arbeitgeberseite (Vatter 2014: 170-173).   Die Arbeitgeberverbände hatten also eine weitaus solidere Legitimationsbasis. Ein weiterer Grund für die Überlegenheit der Arbeitgeberverbände liegt in der Solidarisierung der Binnen- und Aussenwirtschaft. Man akzeptierte die Öffnung der Wirtschaft und erhielt im Gegenzug Unterstützung für protektionistische Regulierungen des Binnenmarkts. Hätte diese Solidarisierung nicht stattgefunden, hätten die Arbeitgeberverbände wegen dieses immanenten Interessengegensatzes niemals jene Macht erlangen können, die sie hatten.

Die Verbände und Gewerkschaften setzen zur Durchbringung ihrer Interessen vor allem auf eine direkte Form der politischen Einflussnahme und weniger auf die Mobilisierung der Mitglieder oder über eine offensive Medienstrategie (Mach 2014: 4). Die beiden letztgenannten Einflussstrategien kamen vor allem dann zur Anwendung, wenn der direkte Verhandlungsweg erfolglos blieb, was bei den Gewerkschaften gelegentlich der Fall war. Doch im Allgemeinen traf man sich am Verhandlungstisch und versuchte eine Kompromisslösung zu finden, zu der sich alle involvierten Parteien und Interessengruppen bekennen konnten.

Dies geschah lange Zeit primär in der vorparlamentarischen Arena, die von 1945 bis in die 1990er Jahre der Ort der politischen Entscheidungsfindung war, weshalb diese Zeit auch als die «Blütezeit des Schweizer Korporatismus» bezeichnet wird (Mach 2014: 5, Sciarini 2014: 118). Dem Parlament kam dabei faktisch eine reine «Exekutionsfunktion» der vorparlamentarisch artikulierten Interessen zu (Mach 2014: 2 f.). Wenn überhaupt, dann wurden die Gesetzesvorschläge nur geringfügig modifiziert und überstanden auch die Referendumsphase unbeschadet. Sciarini (2014: 118) bringt mit folgendem Zitat die Machtkonstellation jener Ära auf den Punkt: «A small number of collective actors, among which the peak economic associations, the Federal Council, three governing parties and state agencies, lay at the core of the system.» Allen voran den Wirtschaftsdachverbänden (Economiesuisse, Gewerbeverband und Bauernverband) und auf gewerkschaftlicher Seite dem Gewerkschaftsbund schreibt er eine zentrale Machtposition zu (Sciarini 2014: 118 f.).

In diesem Kapitel wurden die wichtigsten Eigenschaften des schweizerischen Verbandssystems grob umrissen. Im nächstem Kapitel wird analysiert, welche Veränderungen sich seit dem Ende der «korporatistischen Blütezeit», den 1990er Jahren, feststellen lassen.

  1. Der Schweizer Korporatismus im Wandel

Der Korporatismus war zusammen mit den konsens- und konkordanzdemokratischen Institutionen für fast ein Jahrhundert lang ein wesentlicher politischer Stabilitätsfaktor und hatte eine harmonisierende Wirkung auf soziale und vor allem ökonomische Gegensätze innerhalb der Gesellschaft. Gerade deswegen erfuhr und erfährt er in der Schweiz eine hohe Wertschätzung (Vatter 2014: 173). Doch die 1990er Jahre begründeten den Ausgangspunkt einer Entwicklung, welche zu einer Bedeutungserosion des Korporatismus führte, und dieser Wandel scheint noch nicht abgeschlossen zu sein. Nachstehend werden die wichtigsten Veränderungsprozesse dargelegt, die weder linear, noch unabhängig voneinander existieren, sondern teilweise auf komplexe Weise ineinander greifen, sich bedingen, oder manchmal auch widersprechen.

Strukturwandel der Wirtschaft und des Arbeitsmarkts

Die erste Hälfte der 1990er Jahre war geprägt von einem wirtschaftlichen Abschwung. Die jährliche Wachstumsrate (BIP) betrug in diesen Jahren weniger als ein Prozent und die Arbeitslosigkeit verzehnfachte sich. Dabei traf es vor allem die produzierenden Sektoren wie das Baugewerbe oder die Maschinenindustrie, in denen die Gewerkschaften traditionell gut verankert waren. Aber auch Deindustrialisierungs- bzw. Tertiarisierungsprozesse im Arbeitsmarkt, die Professionalisierung, Feminisierung und Veränderungen der Lebensgewohnheiten (z. B. der Trend zur Teilzeitbeschäftigung) der Arbeitskräfte, und technische Innovationen (etwa die Digitalisierung) führten in ihrer Summe zu einem Bedeutungsverlust der Gewerkschaften (Vatter 2014: 167 f., ferner Häusermann et al. 2004: 36 f.).

Auch die Arbeitgeberseite war von diesem Strukturwandel nicht verschont und hatte bzw. hat Schwierigkeiten, sich an die neuen Gegebenheiten anzupassen. Der zunehmende internationale Wettbewerb, die Deregulierung des Finanzsystems und die immer grössere Bedeutung multinational agierender Grossfirmen hatten weitreichende Folgen für die Arbeitgeberverbände. Denn als Folge davon fand eine Desintegration grosser Firmen von den Verbänden statt, die zunehmend «auf eigene Faust» agierten und den direkten Zugang zur Politik suchten, ohne Umwege über die Verbände, die teilweise von ebendiesen auch als «zu ineffizient» taxiert wurden (Vatter 2014: 170 f.). Es fand aber nicht nur eine «Entfremdung» von multinational tätigen Unternehmen und dem heimischen Gewerbe statt, sondern auch zwischen der Import- und Exportwirtschaft (Mach 2014: 7). Der langewährende Pakt zwischen diesen beiden Sektoren wurde brüchig; ihre Handlungsfähigkeit als geeinte Stimme der Arbeitgeberschaft folglich eingeschränkt.

Auch die Sozialpartnerschaft verspannte sich zusehends. Man war immer weniger zu Konzessionen bereit, woraus eine Erosion der industriellen Arbeitsbeziehungen resultierte. Der Modus Operandi wandelte sich von einem konsensuellen Verhandeln zu einem konfliktuellen Wettbewerb (Mach 2014: 1 f.).

Politische Internationalisierung

Die zunehmende Europäisierung und Globalisierung und die dadurch entstandenen Interdependenzen mit ausländischen Akteuren hatte auch Implikationen für das innenpolitische Machtgefüge. So gewannen gemäss Armingeon (2011: 179) die Verwaltung und die Exekutive relativ an Bedeutung, während das Parlament eine Machtabnahme hinnehmen musste.

Da die Sozialpartner ihren Einfluss primär in der vorparlamentarischen Phase ausübten, waren auch diese vom relativen Bedeutungsschwund der Legislative direkt betroffen.

Politische Polarisierung

Eine weitere Herausforderung für das korporatistische Modell war und ist die politische Polarisierung, die mit dem Aufstieg der SVP in den 1990er Jahren ihren Anfang nahm. Seither haben sich die politischen Fronten verhärtet und die Kompromissfähigkeit bzw. der Wille zum Kompromiss nahm stark ab. Wichtige Reformprojekte haben es immer schwerer die Referendumsphase zu überstehen, sofern sie nicht bereits in der (vor-)parlamentarischen Phase zerpflückt werden. Doch die SVP polarisierte nicht nur das Klima unter der Bundeshauskuppel, sondern forderte auch die Kohäsion des «Bürgerblocks», bestehend aus den drei bürgerlichen Parteien und den Spitzendachverbänden der Arbeitgeber, heraus (Mach 2014: 8). Besonders die schicksalhafte EWR-Abstimmung im Jahre 1992 unter der Führung der SVP wurde als ein Frontalangriff auf die Verbandsmitglieder mit Freihandelsinteressen gewertet.

Mediatisierung

Eine immer wichtigere Rolle in der Politik spielen die Medien. Diese «vierte Gewalt» in der Demokratie übt einen immer grösseren Druck auf die politischen Akteure und Entscheidungsprozesse aus, wodurch die Kapazität «korporatistischer Hinterzimmerverhandlungen» erschwert wird (Vatter 2014: 181, Oesch 2007: 352). Zudem führt die Medienlogik dazu, dass Konflikte zwischen den Sozialpartnern zusätzlich angeheizt werden (Häusermann et al. 2004: 52).

Bedeutungserosion der vorparlamentarischen Phase

Die wohl einschneidendste Veränderung, die mit Sicherheit auch in einer kausalen Wechselwirkung mit den bereits genannten Faktoren steht, ist eine Machtverschiebung innerhalb des Parlaments. Es lässt sich feststellen, dass die korporativen Akteure im vorparlamentarischen Prozess kontinuierlich an Einfluss verlieren. Aus jenen Gremien, in denen sie traditionell stark vertreten waren und grossen Einfluss ausüben konnten – die ausserparlamentarischen Kommissionen und die Vernehmlassung – werden sie immer mehr, auch aufgrund ihrer Reform- und Kompromissunfähigkeit, von anderen Akteuren verdrängt (vor allem von öffentlichen Interessengruppen, Wissenschaftlern/Experten und föderalen/kantonalen/kommunalen Verwaltungsmitgliedern) (Mach 2014: 5-8, Häusermann et al. 2004: 34). Es sind auch gerade jene Gremien, die in der vorparlamentarischen Phase an Macht eingebüsst haben.

In einer Längsschnittstudie zeigt Sciarini (2014), dass die «bürokratischen Subphasen» (Sciarini 2014: 128) am Anfang und Ende des vorparlamentarischen Prozesses, also der erste Gesetzesentwurf und die Botschaft des Bundesrats, im Vergleich zu den dazwischenliegenden Prozessen wichtiger wurden. Weiter zeigt die Studie, dass die vorparlamentarische Phase an sich an Bedeutung verloren hat. Im Vergleich zu den 1970er Jahren hat der Einfluss dieser Phase um rund einen Viertel abgenommen (von 78% auf 61%). Zeitgleich wurde die parlamentarische Phase fast doppelt so wichtig im Vergleich zu vorher (von 22% auf 39%) (Sciarini 2014: 121 f.). Es lässt sich somit eine Machtverschiebung nicht nur innerhalb der vorparlamentarischen Phase feststellen, sondern darüber hinaus auch von der vorparlamentarischen Phase hin zur parlamentarischen Phase. Korporatistische Kompromisse in der vorparlamentarischen Arena weichen zunehmend Mehrparteienkompromissen in der parlamentarischen Arena (Häusermann et al. 2004: 52, Mach 2014: 1).

In diesem Zusammenhang lohnt es sich, einen Blick auf die Dynamiken in der parlamentarischen Arena zu werfen. Auch in der parlamentarischen Phase haben die korporativen Akteure an Einfluss eingebüsst. In absoluter Betrachtung jedoch hat die Zahl derer mit Verbindungen zu Wirtschaftsverbänden zugenommen (Varone et al. 2015: 18, 23). Dies spricht dafür, dass sich die Einflussstrategie der Verbände auch als Konsequenz ihres Einflussverlustes in der vorparlamentarischen Arena dahingehend verändert hat, dass verstärkt auf die direkte Einflussnahme in denen für sie wichtigen parlamentarischen Wirtschafts- und Finanzkommissionen gesetzt wird (Varone et al. 2015: 23). Sei es durch die direkte Präsenz von Verbandsfunktionären oder indirekt durch Parlamentarier, die für Verbandsmitgliedschaften abgeworben werden (Mach 2014: 9). Mach (2014: 1) bringt es wie folgt auf den Punkt:

«The relations between interest groups and public authorities seem to have evolved from a traditional neo-corporatist political regime toward more pluralist lobbyist activities of interest groups, more actively targeting the Parliament.»

Gerade die politischen Parteien seien sehr viel agiler, anpassungsfähiger und eher zu problemlösungsorientierten Kompromissen gewillt, als die Verbände (Häusermann et al. 2004: 38). Vor diesem Hintergrund können die Parteien als die «Gewinner» dieser Verschiebung des Entscheidungsfindungsprozesses in die parlamentarische Arena bezeichnet werden (Sciarini 2014: 128).

  1. Konsequenzen des Wandels für das korporatistische Verhandlungsmodell der Schweiz

Unbestritten in der einschlägigen Forschungsliteratur ist, dass sich das schweizerische Verbandssystem seit den 1990er Jahren in einem tiefgreifenden Wandel befindet, der noch nicht abgeschlossen ist. Unterschiedliche Ansichten gibt es jedoch hinsichtlich der Bewertung und Bedeutung dieses Wandels.

Armingeon (2011) zum Beispiel warnt eindringlich vor Überdramatisierungen des Wandels. Gerade in vergleichender Perspektive zeige sich, dass der Korporatismus in der Schweiz nach wie vor stark verankert sei und das System allgemein sehr stabil (Armingeon 2011: 165). Zudem sei ein tiefer gewerkschaftlicher Organisationsgrad nur dann problematisch, wenn es bedeutende Interessengegensätze mit Arbeitgebern gibt (Armingeon 2011: 177). Denn in solchen Situationen spielt das Basismobilisierungspotenzial verhandlungsstrategisch eine wichtige Rolle. Er unterstreicht auch, dass ein tiefer Organisationsgrad von Gewerkschaften nicht mit einem tiefen Deckungsgrad von Gesamtarbeitsverträgen einher gehen muss. Just in der Schweiz würden Lohnverhandlungen sowieso nicht auf Verbandsebene, sondern auf Branchen- oder sogar Betriebsebene durchgeführt (Armingeon 2011: 177 f., siehe ferner Vatter 2014: 173).

Er sieht das Problem eher auf einer anderen Ebene: Die grösste Gefahr für den Schweizer Korporatismus sei die zunehmende Inkompatibilität der Mitgliederlogik versus die Einflusslogik (Armingeon 2011: 179). Während die Mitglieder ganz konkrete, materielle, nutzenmaximierende Interessen mit ihrer Mitgliedschaft zu verfolgen versuchen (z. B. höherer Lohn, bessere Arbeitsbedingungen, usw.), würden die Gewerkschaften ebendiese Interessen mit ihrer Einflusslogik teilweise unterminieren. Denn die Gewerkschaftseliten verfolgten eine auf die breitere politische Beeinflussung angelegte Langzeitstrategie und müssten deshalb auch mal politische Rückschläge in Kauf nehmen. Er bezieht sich zwar explizit auf Gewerkschaften, aber es ist durchaus denkbar, dass sich ähnliche Zielkonflikte auch bei den Arbeitgeberverbänden abzeichnen.

Auch Vatter (2014) mahnt zu einer differenzierten Beurteilung des Wandels. Die Wirtschaftsverbände hätten zwar vor allem im Input-Bereich der Politikformulierung eine geschwächte Position und die Einflussnahme sei zunehmend unkoordiniert, trotzdem schreibt er den Verbänden im politischen System eine Schlüsselrolle zu und zählt sie nach wie vor zu den wichtigsten intermediären Akteuren. Er sagt dazu:

«Die heutigen Staat-Verbände-Beziehungen lassen sich zusammenfassend am ehesten als ein äusserst moderates liberal-korporatistisches Interessenvermittlungssystem mit verstärkt pluralistischen Zügen bezeichnen.» (Vatter 2014: 197, zitiert nach Vatter 2008: 21)

Sciarini (2014) hingegen findet, der Wandel werde kategorisch unterschätzt. Die vermeintliche Stabilität der politischen Institutionen sei die Folge eines verengten Blicks auf marktstrukturelle Aspekte. Feine, latente Veränderungen würden dadurch kaum registriert (Sciarini 2014: 117).

  1. Fazit

Ausgangslage der vorliegenden Arbeit war die Frage, wie sich das Schweizer Verbandssystem in den vergangenen Dekaden gewandelt hat und welche Faktoren für diesen Wandel ursächlich sind. Es hat sich gezeigt, dass innert einer relativen kurzen Zeitspanne (1990 bis ca. 2010) markante Einflussverschiebungen vollzogen haben. Dies betrifft sowohl die Verbände an sich, die immer mehr Mühe haben, ihre «Klientel» an sich zu binden und zunehmend in einem Konkurrenzverhältnis zueinander stehen, als auch deren Einbindung in die politischen Entscheidungsprozesse.

Während sich die politische Macht über fast ein Jahrhundert lang hauptsächlich in der vorparlamentarischen Arena konzentrierte, wo die korporativen Akteure die Fäden zogen, so zeichnet sich eine Machtverschiebung hin zur parlamentarischen Arena ab. Wichtige Reformen werden vermehrt von den parteipolitischen Akteuren ausgehandelt, insbesondere in den parlamentarischen Kommissionen. In dieses Gremien zeichnet sich simultan die Tendenz zur «Verwissenschaftlichung» ab. Denn der Anteil an Wissenschaftlern/Experten hat sich dort vervielfacht. Die Verbandsakteure haben diese Veränderung durchaus registriert und haben ihre Einflussstrategien entsprechend angepasst. So sind sie selber weniger in den politischen Entscheidungsgremium direkt präsent, sondern setzen stattdessen auf eine indirekte Einflussnahme über Parlamentarier, die sie als Mitglieder für ihre Verbände abwerben. Zudem verfolgen sie aktivere und offensivere Lobbyingstrategien zur Durchsetzung ihrer Interessen.

Kurz: Der Schweizer Korporatismus befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel, der mit einer Vielzahl anderer Veränderungsprozesse korreliert. Verbände geniessen nicht mehr die privilegierte Stellung, die sie lange Zeit hatten, was jedoch nicht nur auf die Strukturwandel reduzibel ist, sondern auch auf Adaptionsschwierigkeiten der Verbände selber. Welche Bedeutung sie in Zukunft spielen (können), hängt in diesem Sinne im Wesentlichen davon ab, wie sie sich an die neuen Gegebenheiten anzupassen vermögen.

___________

[1] In der vorliegenden Arbeit wird um der besseren Leserlichkeit willen auf das weibliche Genus verzichtet. Dies in vollem Bewusstsein um die Wichtigkeit geschlechtergerechter Sprache.

Literaturverzeichnis

Armingeon, Klaus (2011): A prematurely announced death? Swiss corporatism in comparative perspective. In: Trampusch, Christine und Mach, André (Hrsg.): Switzerland in Europe. Continuity and change in the Swiss political economy. London: Routledge, 165-185.

Hangartner, Yvo bzw. Historisches Lexikon der Schweiz (2015): Wirtschaftsartikel. (http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D13805.php [18.06.2017]).

Häusermann, Silja, Mach, André und Papadopoulos, Yannis (2004): From Corporatism to Partisan Politics: Social Policy Making under Strain in Switzerland. Swiss Political Science Review 10(2), 33-59.

Katzenstein, Peter (1984): Corporatism and Change: Austria, Switzerland and the Politics of Industry. Ithaca, New York: Cornell University Press.

Mach, André (2014): From Democratic Corporatism to Pluralist Lobbyism: the Transformations of Interest Groups and State Relations in Switzerland (1980-2010) (unpublizierter Entwurf), 1-17.

Oesch, Daniel (2007): Weniger Koordination, mehr Markt? Kollektive Arbeitsbeziehungen und Neokorporatismus in der Schweiz seit 1990. Schweizerische Zeitschrift für Politikwissenschaft 13, 337-368.

Sciarini, Pascal (2014): Eppure si muove: the changing nature of the Swiss consensus democracy. Journal of European Public Policy 21(1), 116-132.

Varone Frédéric, Mach, André und Munk Christiansen, Peter (2015): The Transformations of Neo-Corporatism: Comparing Denmark and Switzerland over time. European Consortium for Political Research (Sitzungspapier): Universität Genf.

Vatter, Adrian (2008): Vom Extremtyp zum Normalfall? Die schweizerische Konsensusdemokratie im Wandel: Eine Re-Analyse von Lijpharts Studie für die Schweiz von 1997 bis 2007. Schweizerische Zeitschrift für Politikwissenschaft 14, 1-47.

Vatter, Adrian (2014): Die Verbände und das Verbandssystem. In: Ders. (Hrsg.): Das politische System der Schweiz. Baden-Baden: Nomos, 159-201.

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