Der Gang an die Urne: Ein Akt der Unvernunft?

In der jüngsten Ausgabe der Schweiz am Wochenende schrieb der Journalist Pascal Ritter in einem Artikel zur „Problematik“ hauchdünner Mehrheiten bei Wahlen und Abstimmungen:

„Warum das Volk überhaupt an die Urne geht, bleibt für Politologen ein Rätsel. Rein rational ist es nicht, denn die Chance, dass die eigene Stimme den Unterschied macht, ist vernichtend klein. Die eigene Stimme geht im Meer der anderen unter. Warum also den Weg ins Abstimmungslokal oder zum Briefkasten auf sich nehmen?“

Dieser auf die ökonomische Theorie rekurrierende Rationalitätsbegriff war lange Zeit eine populäre und bestimmende Denkfigur innerhalb des sozialwissenschaftlichen Diskurses. Doch der ominöse homo oeconomicus, der übrigens bis dato nie gesichtet wurde, hat als theoretische Metapher für den streng nach Nutzenprinzipien funktionierenden, perfekt informierten und stets zweckhaft handelnden Menschen längst ausgedient. Der Mensch als soziales Geschöpf lässt sich nicht mit Markttheorien erklären, zumindest nicht zur Gänze. Es etablierte sich die Vorstellung des Menschen als imperfektes Wesen in einer komplexen Welt, das aber trotz seiner kognitiven, zeitlichen und informationellen Beschränktheit zu rationalen Entscheidungen fähig ist. Der starre Rationalitätsbegriff erfuhr also eine empirische Aufweichung.

Nun, was bedeutet das in Übertragung auf Wahlen oder Abstimmungen? Es heisst in Anlehnung an das obige Zitat erstens, dass das Wahlverhalten nicht mit einer simplen Kosten-Nutzen-Logik erklärt werden kann. Denn wenn die Kosten in allen Fällen den Nutzen überwögen, würde sich niemand an die Urne bewegen (was offensichtlich nicht zutrifft). Zweitens bedeutet es, dass es nicht irrational sein muss, nicht an die Urne zu gehen. Warum also überhaupt wählen/abstimmen?

Die Frage ist alles andere als trivial und kann nicht so leicht beantwortet werden, wie die rationalistische Kosten-Nutzen-Theorie als alleiniger Erklärungsfaktor verworfen werden kann. Auch hat sich, vielleicht bedingt durch das öffentliche Interesse, der Fokus der Wahl- und Abstimmungsforschung (ironischerweise?) auf die Frage fokussiert, weshalb Menschen nicht an Wahlen und/oder Abstimmungen teilnehmen.

Eine Erklärung für politische Partizipation gerade im Kontext von Wahlen in der Schweiz ist die Tatsache, dass die einzelne Stimme eben doch ein Gewicht hat. Grund dafür ist das proportionale Sitzzuteilungsverfahren, bei dem die Mandate idealerweise proportional zur Wählerstärke verteilt werden. Die Chance, dass die eigene Stimme tatsächlich etwas zählt, ist damit ganz wesentlich grösser als die Chance, bei einer majoritären Abstimmung die ausschlaggebende Stimme zu sein. Ein weitere Dimension dabei ist die Erfahrung, die auch bei Abstimmungen eine wichtige Rolle spielt: Wenn man sich immer auf der „Verliererseite“ wiederfindet, wirkt dies demotivierend und man stellt die Sinnhaftigkeit der eigenen Stimmabgabe infrage. Steht man jedoch oft auf der Seite der „Gewinner“, so wirkt dies bestätigend und man ist eher dazu bereit wieder abzustimmen oder zu wählen.

Ein weiterer Grund ist ein gängiger psychologischer Fehlschluss. Dabei werden individuelle Heuristiken auf die Allgemeinheit externalisiert. Man ist überzeugt, dass andere Menschen gleich oder ähnlich denken wie man selber, und dass man die Meinung anderer Menschen entscheidend beeinflussen könne. Dies steigert sich soweit, dass das eigene Verhalten, die eigenen Gedanken und Antriebe auf alle anderen übertragen werden. So sagt man sich: „Wenn ich wähle, werden andere gleich denken wie ich und auch wählen. Wenn ich aber nicht wähle, geht niemand an die Urne und die Demokratie wird kollabieren.“ Das ist natürlich ein Fehlschluss, denn das eigene Stimm- oder Wahlverhalten ist weder auf andere übertragbar, noch hat es einen signifikanten Einfluss auf das Verhalten anderer (ausser man ist tatsächlich ein Influencer).

Ein weiterer – und ich wage es zu behaupten der wichtigste – Grund ist das republikanische Verständnis von politischer Partizipation als Bürgerpflicht und -tugend. Man geht an die Urne, nicht weil man davon überzeugt ist, das Ergebnis entscheidend beeinflussen zu können, sondern weil es tugendhaft ist, sich im Gemeinwesen einzubringen und dieses auch mitzugestalten. Demokratie ohne eine aktive Bürgerschaft ist demnach undenkbar und es ist die heilige Pflicht jedes Einzelnen, an diesem demokratischen Gemeinschaftsprojekt mitzuwirken.

Schliesslich bleiben noch persuasive Kampagneneffekte und materielle Betroffenheitseffekte: Kampagnen können auf den Einzelnen mobilisierend wirken und ihn von der Notwendigkeit seiner Stimmabgabe überzeugen. Dabei werden oft auch knappe Abstimmungsausgänge projiziert, um den Wert der einzelnen Stimmabgabe künstlich nach oben zu treiben. Doch auch individuelle Betroffenheiten wirken mobilisierend. So wirkten zum Beispiel an der Abstimmung über die Legalisierung von Hanf viele ab, die sonst wenig oder gar nicht an die Urne gehen, aber durch das als relevant empfundene Thema mobilisiert werden.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es tatsächlich nicht ganz klar ist, warum Menschen an die Urne gehen. Grund dafür könnte sein, dass die Motive individuell sehr variabel sind und sich daher kaum verallgemeinerbare Masseneffekte finden lassen. Klar ist nur: Rationalistische Modelle greifen zu kurz, da der Mensch kein marktlogisch konfiguriertes, streng nach Nutzenkriterien funktionierendes, roboterhaftes Wesen ist.

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