Die Schweizer Sozialdemokratie zwischen Evolution und Revolution: Wie die Kommunistische Internationale die Partei entzweite

Die Jahre vor, während und nach dem Ersten Weltkrieg waren losgelöst von ihrer weltpolitischen Dimension insbesondere auch für die nationalen und internationalen Arbeiterbewegungen von grundlegender Bedeutung. Denn die Zeit des Krieges fiel mit einer Vielzahl sozialer, wirtschaftlicher und politischer Veränderungen zusammen. Die turbulenten Zeiten zwangen die Arbeiterbewegungen zu eindeutigen Bekenntnissen, was teilweise zu schweren innerparteilichen Zerwürfnissen führte. Dies traf insbesondere auch auf die sich als Einheitspartei selbstverstehende Sozialdemokratische Partei der Schweiz als Trägerin der Arbeiterbewegung zu.

 

Nicht nur die politische, sondern auch oder vor allem die soziale und wirtschaftliche Lage war in der Schweiz wie im restlichen Europa bereits vor dem Ersten Weltkrieg sehr angespannt. Die technischen Innovationen, welche das Industriezeitalter in Europa einläuten sollten, haben grosse Verwerfungen im sozialen und wirtschaftlichen Gefüge mit sich gebracht. Die Transformation vom Agrar- zum Industriestaat hat ein enormes Bevölkerungswachstum und einen Verstädterungsprozess initiiert. Die Betriebe in den industriellen Zentren stellten neue Arbeitsplätze mit attraktiven Verdienstmöglichkeiten in Aussicht. In der Folge zogen viele vormalige Bauern und sonstige Landarbeiter mitsamt ihren Familien in die Städte (Stichwort Landflucht). Da die Industriebetriebe ihre massenproduzierten Konsumgüter zu weitaus niedrigeren Preisen als die Bauern anbieten konnten, verloren letztere den Absatzmarkt für ihre Produkte und es kam besonders in der ländlichen Bevölkerung zu einer Massenarmut (Stichwort Pauperismus).[1]

Der Erste Weltkrieg hat die sozialen Widersprüche in den europäischen Gesellschaften zusätzlich angeheizt. Die kriegstreibenden Industrieländer waren versorgungstechnisch und infrastrukturell für die neuartige Kriegsform der langanhaltenden und ressourcenzehrenden Materialschlachten nicht oder nur unzureichend vorbereitet. Die Verschiebung des Produktionsschwerpunts hin zur Kriegs- und Schwerindustrie bedingte die Kanalisierung und den Abfluss öffentlicher Mittel in diese Sektoren. Die arbeitsfähigen Männer wurden in den Kriegsdienst eingezogen. Zurück blieben die Frauen und Kinder, deren Lebensverhältnisse sich zunehmend prekarisierten. Dieser Widerspruch zwischen florierender Kriegswirtschaft einerseits und der Verelendung der Bevölkerung auf dem Lande, aber auch in den städtischen Arbeiterquartieren andererseits, verschärfte die perzipierten Klassengegensätze zusätzlich. Das verschaffte der sozialistischen Bewegung über ihre traditionellen Milieus hinaus regen Zulauf.[2]

Die Situation der schweizerischen Arbeiterbewegung

Die SPS war über eine längere Phase hinweg eine Einheitspartei (1901-1920), in der sich die verschiedenen Kräfte der Arbeiterbewegung versammelten und sich gemeinsam für die Sache der Arbeiterbewegung einsetzten.[3] Lange Zeit funktionierte dies erstaunlich gut, doch der Krieg führte zu einer Radikalisierung der Positionen und es bildeten sich drei verschiedene Lager heraus: Die Linke oder Linkssozialisten, bestehend aus revolutionären Marxisten, die gegen den Krieg, gegen den Burgfrieden und gegen die «inneren Feinde» waren. Eine Rechte, bestehend aus Sozialpatrioten und Sozialchauvinisten, v. a. Grütlianer, die für die Landesverteidigung und für den Burgfrieden eintraten. Dazwischen formierte sich ein Zentrum, dem die Mehrheit der Partei angehörte und die ideologisch zwischen den beiden Polen oszillierte.[4]

Anstoss für die Blockbildung innerhalb der SPS gaben die Ereignisse zu Beginn des Ersten Weltkriegs. Genauer gesagt der 31. Juli 1914, also ein Tag vor der Kriegserklärung Deutschlands an Russland. Damals erliess das Büro der Sozialistischen Internationale einen Appell zum Kampf gegen den drohenden Krieg. Gerade drei Tage später, am 4. Juli 1914, beschloss die Parlamentsfraktion der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands fast einstimmig, im Reichstag für die Kriegskredite einzustehen. Just ein Tag nach der Abstimmung im Reichstag stellten sich auch die französischen Sozialisten hinter ihre Regierung und segneten die Kriegskredite ab. Lediglich die Bolschewiki und Menschewiki, damals noch ohne parlamentarische Vertretungen, opponierten gegen die «imperialistische Politik der herrschenden Klasse»[5] der (noch) zaristischen Regierung.[6] Dieser Opportunismus wurde gerade von den russischen Sozialisten, aber auch von Linkssozialisten und Anhängern des Zentrums anderer sozialdemokratischer Parteien scharf verurteilt, als eine feige, reaktionäre und opportunistische Reaktion der Sozialdemokratie zur Erhaltung des bürgerlichen Staates gewertet und bildete den ideellen Ausgangspunkt einer von Opportunisten gesäuberten III. Internationale.[7] Von da an verliessen viele sozialdemokratische und sozialistische Parteien die II. Internationale, unter anderem auch die SPS. Es kam zu einem Zerwürfnis zwischen denjenigen, welche die II. Internationale wiederaufleben wollten und denjenigen, die eine III. Internationale planten.[8]

An der vom Zentrumspolitiker Robert Grimm organisierten «Zimmerwalder Konferenz» von 1915 versammelten sich jene Kräfte, welche das Versäumnis der II. Internationale, nämlich eine aktionsfähige Opposition gegen die Kriegspolitik anzuführen, korrigieren wollten. Die Konferenz brachte zwar entgegen der Erwartung einiger Anwesenden keine neue Internationale hervor, es wurde jedoch ein Manifest verabschiedet, welches die Unterstützung der Kriegsführung durch sozialistische Parteien kritisierte und es wurde zum Kampf gegen den Krieg und zur Aufkündigung des Burgfriedens aufgerufen.[9] Die SPS war an jenem Parteitag zwar offiziell nicht vertreten, stellte sich am Aarauer Parteitag von 1915 jedoch hinter die Zimmerwalder Bewegung und nahm eine Friedensresolution an. 1916 brach sie mit dem sozialpatriotischen Grütliverein und 1917 lehnte sie an einem Parteitag in Bern die Landesverteidigung in Übereinstimmung mit den Beschlüssen der Internationalen Sozialistischen Konferenz von Kiental 1916, an der sie dann auch offiziell vertreten war, ab.[10] In nuce: Die SPS erlebte in dieser «revolutionären Phase»[11] von 1915-1918 einen Linksschwank.

Einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die schweizerische Arbeiterbewegung hatte auch die geglückte bolschewistische Oktoberrevolution von 1917. Sie euphorisierte vor allem die Parteilinke, für welche die marxistische Verheissung der proletarischen Revolution immer greifbarer wurde. Von da an nahmen auch die Protest- und Streikaktionen in der Schweiz zu und kulminierten schliesslich in den Landesstreik von 1918. Eine wichtige da prägende Figur war wiederum Robert Grimm. Er koordinierte zusammen mit dem «Oltener Aktionskomitee», das als «Exekutive der Arbeiterbewegung» [12] fungierte und die Streikverhandlungen mit dem Bundesrat führte. Während der Generalstreik in der aktuellen communis opinio als ein Protest gegen die Versorgungsknappheit gedeutet wird, so wird das der tatsächlichen Situation nur teilweise gerecht. Denn der Forderungskatalog des Aktionskomitees war de facto ein bunter Strauss an sozialdemokratischen Forderungen, wie etwa das Proporzwahlrecht, das Frauenwahlrecht, die 48-Stunden-Woche, eine Alters- und Invalidenversicherung und einige mehr. Der Bundesrat erkannte den Ernst der Lage und reagierte unverzüglich mit der Mobilisierung der Armee. Nach nur vier Tagen musste sich die Streikleitung geschlagen geben, da man einen offenen Bürgerkrieg nicht riskieren wollte und sich um die kräftemässige Unterlegenheit durchaus im Klaren war. Der Streikabbruch wirkte vernichtend auf die Moral der Arbeiterbewegung, da die Erwartungen[13] an den Streik sehr hoch waren, wie folgendes Zitat des deutschen Kommunisten Willi Münzenberg verdeutlicht: «Durch diesen feigen Verrat verloren viele Arbeiter den Glauben an die Revolution und wandten sich in Massen von dem Aktionskomitee und den Führern ab.»[14] Doch nüchtern betrachtet war der Streik durchaus als ein Erfolg zu werten. Die Hoffnung der Überwindung des Kapitalismus wurde zwar enttäuscht, doch immerhin setzten sich das Proporzwahlrecht (das einen epochalen Einfluss auf das politische System der Schweiz haben sollte) und die 48-Stunden-Woche durch. Als weiterer Erfolg wurde die Arbeiterbewegung nach dem Landesstreik in die politischen Entscheidprozesse integriert und auch von Seiten der Arbeitgeber zumindest teilweise als Verhandlungspartner anerkannt.[15]

Von da an wurde die Fliehkraft des kommunistischen Flügels innerhalb der Partei immer grösser. Man war sich plötzlich in grundlegenden Fragen nicht mehr einig.[16] In Biel und Zürich wandten sich die «Altkommunisten» noch im gleich Jahr von den Ortsparteien ab.[17] Im Folgejahr wurde durch Lenin die III. Internationale ins Leben gerufen, was die Stimmung innerhalb der Partei zusätzlich anheizen sollte. Denn die Beitrittsfrage stilisierte sich zu einer Schicksalsfrage für die SPS: Wählt man den revolutionären Kampf unter der bolschewistischen Führung und tritt der III. Internationale bei oder geht man den Weg des Reformismus? Das Verhältnis der SPS zur Beitrittsfrage ist Gegenstand des nachfolgenden Kapitels.

Die SPS und die Beitrittsfrage zur III. Internationale

Die Beitrittsfrage zur III. Internationale war zu keinem Zeitpunkt – auch nicht bei der finalen Beantwortung selbst und erst recht nicht darüber hinaus – eine unumstrittene Angelegenheit in der innerparteilichen Auseinandersetzung. Die Einstellungen zur III. Internationale reichten von der kategorischen Ablehnung durch die Parteirechte bis hin zur und bedingungslosen Zustimmung durch die Parteilinke. Dazwischen war das Zentrum, dem in dieser Frage als Zünglein an der Waage eine entscheidende Rolle zufiel. Der folgende Abschnitt zeigt, dass die Mehrheitsverhältnisse selbst im Zentrum weder eindeutig noch starr, sondern hochdynamisch und alternierend waren.

Die Situation vor dem Parteitag von 1920

Die Radikalisierung der Arbeiterbewegung während des Ersten Weltkriegs und die Russische Revolution von 1917 bildeten die ereignisgeschichtlichen Grundlagen für die Schaffung einer Dritten Internationale durch die kommunistischen Zirkel und Parteien in Moskau unter der Federführung Lenins. Das ideologische Ziel war die proletarische Weltrevolution. Methodisch-operativ sollte die III. Internationale eine straffe und loyale international handlungsfähige Organisation sein, die sich dem Exekutivkomitee bzw. dem Präsidium in Moskau bedingungslos unterordnete. Die Aufgabe der einzelnen Ländersektionen war die Propagierung des Kommunismus russischer Prägung.[18]

Die schweizerische Arbeiterbewegung bzw. die Parteiführung der SPS war der III. Internationale gegenüber anfänglich grossmehrheitlich positiv eingestellt. Das zeigen die Stimmverhältnisse auf dem ausserordentlichen Parteitag von 1919 in Basel, an dem sich 318 für und 147 Mitglieder der Parteileitung für den Beitritt zur III. Internationale aussprachen. Auch Robert Grimm als Vertreter des Zentrums war zu diesem Zeitpunkt ein ausgesprochener Verfechter des Beitritts zur III. Internationale, was auch das klare Mehrheitsverhältnis erklärt.[19] Daraufhin forderte über ein Drittel der Parteimitglieder eine Urabstimmung in dieser Sache, die noch im September 1919 stattfinden sollte. Überraschenderweise wurde in der Urabstimmung von 1919 der Beitritt zur III. Internationale mit 14’612 gegen 8’722 Stimmen verworfen.[20] Die Parteileitung war bestürzt über dieses eindeutige Verdikt, resignierte jedoch nicht, sondern wollte im April 1920 einen erneuten Versuch starten. Während die Parteileitung an der Ausarbeitung des Antrags war, fand im Sommer 1920 in Petrograd und Moskau der zweite Kongress der Kommunistischen Internationale statt, wo die «21 Bedingungen» verkündet wurden. Der Kerngehalt der 21 Bedingungen war die Forderung der internen Säuberung des opportunistischen und reformistischen Flügels in den sozialdemokratischen und sozialistischen Parteien und die devote Fügung unter die Direktiven aus Moskau. Diese 21 Bedingungen führten zu einem Meinungsumschwung bei vielen Zentristen (u. a. Robert Grimm), aber auch bei einigen Exponenten der Parteilinken, wie etwa dem prominenten und einflussreichen Zürcher Linkssozialist Ernst Nobs.[21] Der Historiker Heinz Egger fasste die Wirkung wie folgt zusammen:

«Die 21 Aufnahmebedingungen der Kommunistischen Internationale bewirkten endgültig die vollständige Klärung innerhalb der schweizerischen Arbeiterbewegung in ihrer Stellung zur III. Internationale. Während der linke Flügel ihre Annahme durch die Sozialdemokratische Partei der Schweiz forderte, wandte sich ausser der Rechten nun auch das Zentrum gegen die Kommunistische Internationale.»[22]

Im Oktober 1920 entschloss dann der Parteivorstand mit 40 zu 18 Stimmen die Zurückweisung der 21 Bedingungen.[23] Derweil versammelte sich an der «Konferenz der 54» in Olten die Parteilinke. Man riskierte den Bruch mit der Mutterpartei, falls diese den Beitritt zur III. Internationale ablehnen sollte.[24] Vor diesem Hintergrund war der bevorstehende ausserordentliche Parteitag vom 10. bis 12. Dezember in Bern besonders delikat. Denn es ging dabei nicht mehr bloss um die Frage des Beitritts zur Kommunistische Internationale unter den neuen 21 Bedingungen, sondern über die weitere Parteientwicklung ganz generell.

Die Situation während des Parteitags

Der ausserordentliche Parteitag von 1920 in Bern markierte das Ende der SPS als Einheitspartei (Stichwort Spaltungsparteitag). Innerhalb der Partei formierten sich zwei Parteilager, die sich in der Beitrittsfrage ziemlich unversöhnlich gegenüberstanden. Durch polemische Reden versuchten sie die Parteimehrheit für sich zu gewinnen.

Auf der Seite der Beitrittsgegner stand Robert Grimm. Eine, wenn nicht die wichtigste Person dieses Lagers. Auf dem Parteitag prangerte er das Verhalten der Parteilinken an, die auf die Ablehnung der für den Beitritt zur III. Internationale massgebenden 21 Bedingungen (bzw. die Forderung deren Revision) hin den Saal verliessen. Dazu meinte Grimm:

«Sie [die Demonstration des Verlassens des Parteitags, d. Verf.] ist das erste äussere Kennzeichen der bisher bestrittenen, nunmehr offen angestrebten Parteispaltung. Sie ist der erste geschlossene Auftakt einer in der Hauptsache aus Baslern und Zürchern zusammengesetzten Gruppe zu einem Bruderkampf, der notwendig eine bisher im Ringen gegen die Bourgeoisie und das kapitalistische Unternehmertum geeinigte Arbeiterschaft trennen, Verwirrung stiften und bisher erzielte Errungenschaften gefährden muss.»[25]

Weiter legt er dar, weshalb er und andere Zentrumspolitiker die 21 Bedingungen nicht annehmen wollen. Er bezeichnet die 21 Bedingungen in seiner Rede immer wieder als eine «schablonisierende Taktik», die den Arbeiterbewegungen der jeweiligen Länder eine nicht den realen ökonomisch-gesellschaftlichen Bedingungen entsprechende Taktik aufzwangen. Weiter wären nach der Annahme der 21 Bedingungen die Parteisektionen einer «geheimen und illegal operierenden Moskauer Parteiapparatur» unterstellt worden, was sie in ihrem Handlungsspielraum stark eingeschränkt hätte. Diese empfundene Einschränkung kam an diversen Stellen seiner Rede zum Ausdruck. Er sprach vom «Verlust des Selbstbestimmungsrechtes»[26], von der «Entscheidungssucht»[27] der Komintern und von der «absoluten Bevormundung»[28]. Deutlich wird seine Ablehnung auch im folgenden Zitat:

«Wer garantiert uns denn dafür, dass die im Zentralkomitee sitzenden Personen und Genossen nun wirklich die unschuldsvollen, engelreinen Knaben sind, die für sich das Recht beanspruchen können, alle Weisheit gepachtet zu haben, die für sich das Recht beanspruchen, dass nur sie allein wissen, ob so oder anders gehandelt werden muss? Ich bekämpfe diese Auffassung, weil sie den Ausfluss einer Aristokratie in der Arbeiterbewegung darstellt, eine Aristokratie, die jetzt im Namen der Revolution mit der Allmacht ausgestattet werden soll.»[29]

Seine Rede zeigt eindrücklich, wie stark der Meinungsumschwung bezüglich der Beitrittsfrage im Parteizentrum war. Die 21 Bedingungen waren für sie in ihrer Form nicht nur unannehmbar, da mit dem Wesen und Zielen der schweizerischen Arbeiterbewegung nicht vereinbar, sondern wurden geradezu als eine infame Beleidigung und als ein Versuch der Parteispaltung dargestellt und wahrgenommen.

Auf der Seite der Beitrittsbefürworter stand ausgerechnet Rosa Grimm, Robert Grimms Ex-Frau. Sie wendet sich sodann auch direkt an Grimm und konfrontiert ihn mahnend an seine Zeit, in der er noch «revolutionär gesinnt»[30] war. Sie meint weiter: «[…] [W]ir haben nicht nur das Recht zu dieser Säuberung, sondern wir haben die heilige Pflicht, sie zu vollziehen.»[31] Sie weist den Vorwurf der Parteispaltung zurück und nimmt das Argument auf, wonach die Bedingungen als Vorwand genutzt werden, «um zu sagen, dass die Schweiz noch lange nicht so weit ist, dass sie diese Bedingungen erfüllen könne»[32]. Aus ihrer Sicht müsse «[d]ie Säuberung […] unter allen Umständen jetzt vorgenommen werden, weil man eben gesehen hat, dass das Proletariat auf dem bisherigen Wege nicht vorwärts kommt»[33].

Es wird deutlich, dass die Fronten sehr verhärtet, ja zu verhärtet waren um einen allgemein akzeptablen Kompromiss zu finden, da auf beiden Seiten der Wille zum Konsens bzw. die Kompromissbereitschaft fehlte. Die Konsequenz war absehbar: In der Schlussabstimmung des Parteitags wurde mit 350 zu 213 Stimmen der Beschluss gefasst, der III. Internationale nicht beizutreten. Doch damit war die Sache noch nicht ganz erledigt.

Die Situation nach dem Parteitag

Nach dem Parteitag geschah das, was sich schon ein paar Jahre zuvor andeutete: die Parteispaltung. Die Parteilinke sonderte sich von der Einheitspartei ab und verschmolz im Folgejahr mit den bereits zuvor ausgetretenen Altkommunisten zur Kommunistischen Partei der Schweiz. Damit hatte der zweite Kongress der Kommunistischen Internationale sein eigentliches Ziel erreicht: Nämlich einen Keil zwischen die «moskautreuen Linkssozialisten» und die «opportunistischen Reformisten» zu schlagen. Daraus machte auch der Vorsitzende des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale, Grigori Sinowjew, keinen Hehl. In einer Nachricht an die Parteilinke kurz vor dem ausserordentlichen Parteitag in Bern schrieb er:

«Die Frage, ob Ihr die Mehrheit oder Minderheit des Parteitages, an dessen Vorabend wir stehen, sein werdet, ist eher eine Frage zweiter Ordnung. Das wichtigste Problem ist – alle revolutionären Arbeiter auf der Plattform der vorbehaltlosen Annahme des Programms und der Thesen des zweiten Kongresses der Kommunistischen Internationale zu vereinigen. Der Bruch mit den Reformisten – das ist die ultimative Forderung der Kommunistischen Internationale. Nachher steht vor Euch die Aufgabe, zusammen mit den übrigen kommunistischen Elementen eine Vereinigte Kommunistische Partei der Schweiz zu organisieren.»[34]

Die Tatsache, dass Sinowjew mit diesen Zeilen die unmittelbare Parteientwicklung vorwegnahm, zeigt erstens, wie gut er bzw. das Exekutivkomitee der Komintern mit der Konstellation und den Mehrheitsverhältnissen innerhalb der SPS vertraut war und zweitens, wie gewichtig deren Einfluss auf die Parteilinke in der Schweiz war.

Die Beitrittsfrage war jedoch immer noch nicht ganz erledigt. Denn der Beschluss des ausserordentlichen Parteitags von 1920, der III. Internationale nicht beizutreten, wurde dem Referendum unterstellt. Im Januar 1921 wurde dann zum letzten Mal über diesen Inhalt befunden. Ausser Basel-Stadt und Schaffhausen hiess keine kantonale Sektion den Beitritt gut.[35] Damit war die Sache endgültig vom Tisch.

______________________________

[1] Vgl. Gruner 1968, S. 15f.

[2] Vgl. Lang et al. 1988, S. 20.

[3] Vgl. ebd., S. 20.

[4] Vgl. Egger 1952, S. 60f.

[5] Huber 1986, S. 19.

[6] Vgl. ebd., S. 19.

[7] Vgl. Egger 1952, S. 228f.

[8] Vgl. ebd., S. 24.

[9] Vgl. Degen 2015.

[10] Vgl. Stettler 1980, S. 16.

[11] Egger 1952, S. 235.

[12] Degen et al. 2012, S. 16.

[13] Einige sahen im Landesstreik von 1918 die Vorstufe zur eigentlichen Revolution. So zum Beispiel der Züricher linksradikale Marxist und Anarchist Jakob Herzog (vgl. Jost 1973, S. 136).

[14] Vgl. Egger 1952, S.134, zitiert nach Willi Münzenberg, Die Dritte Front, Berlin 1929, S. 261.

[15] Vgl. Degen et al. 2012, S. 7.

[16] So zum Beispiel in der Frage des Rätesystems oder der sozialistischen Soldatenorganisation (vgl. Stettler 1980, S. 16f.).

[17] Vgl. Jost 1973, S. 136.

[18] Vgl. Bürgi 2013.

[19] Der Umstand, dass Grimm zu diesem Zeitpunkt ein ausgesprochener Verfechter des Beitritts zur III. Internationale war, wurde seltsamerweise von vielen Sachautoren entweder gar nicht oder dann nur beiläufig erwähnt.

[20] Vgl. Huber 1986, S. 24.

[21] Vgl. Egger 1952, S. 202.

[22] Ebd., S. 202.

[23] Vgl. Huber 1986, S. 24.

[24] Vgl. Egger 1952, S. 220.

[25] SPS 1920, S. 3.

[26] Ebd., S. 15.

[27] Ebd., S. 16.

[28] Ebd., S. 17.

[29] Ebd., S. 16.

[30] Vgl. SPS 1921, S. 113.

[31] Ebd., S. 113.

[32] Ebd., S. 115.

[33] Ebd., S. 115.

[34] Egger 1952, S. 215, zitiert nach «Neue Ordnung», offizielles Organ der Kommunistischen Partei der Schweiz, Nr. 35, Tüscherz, 21.10.1920.

[35] Vgl. ebd., S. 218f.

Quellen und Literatur:

Quellen:

Münzenberg, Willi: Die Dritte Front, Berlin 1929.

Neue Ordnung (Hg.): Offizielles Organ der Kommunistischen Partei der Schweiz, Nr.35, Tüscherz 21.12.1920.

Sozialdemokratische Partei der Schweiz (Hg.): Partei-Einheit oder Partei-Spaltung? Referat des Genossen Robert Grimm auf dem Parteitag in Bern 1920, Bern 1920.

Sozialdemokratische Partei der Schweiz (Hg.): Protokoll über die Verhandlungen des ausserordentlichen Parteitags vom 10. bis 12. Dezember 1920 im Volkshaus Bern, Bern 1921.

Sekundärliteratur:

Bürgi, Markus: Dritte Internationale, in: Historisches Lexikon der Schweiz, 18.12.2013. http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D16482.php [Stand: 25.11.2016].

Degen, Bernhard/Schäppi, Hans/Zimmermann, Adrian: Einleitung, in: Dies. (Hg.):  Robert Grimm. Marxist, Kämpfer Politiker, Zürich 2012, S. 7-12.

Degen, Bernhard: Zimmerwalder Bewegung, in: Historisches Lexikon der Schweiz, 03.02.2015. http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D17330.php [Stand: 22.11.2016].

Egger, Heinz: Die Entstehung der Kommunistischen Partei und des Kommunistischen Jugendverbandes der Schweiz, Dissertation an der Rechts- und staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität Zürich, Zürich 1952.

Gruner, Erich: Die Arbeiter in der Schweiz im 19. Jahrhundert. Soziale Lage, Organisation, Verhältnis zu Arbeitgeber und Staat, Bern 1968.

Huber, Peter: Kommunisten und Sozialdemokraten in der Schweiz 1918-1935. Der Streit um die Einheitsfront in der Zürcher und Basler Arbeiterschaft, Dissertation an der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich, Zürich 1986.

Jost, Hans-Ulrich: Linksradikalismus in der deutschen Schweiz 1914-1918, Bern 1973.

Lang, Karl/Hablützel, Peter/Mattmüller, Markus/Witzig, Heidi: Solidarität, Widerspruch, Bewegung. 100 Jahre Sozialdemokratische Partei der Schweiz, Zürich 1988.

Lengwiler, Martin: Praxisbuch Geschichte. Einführung in die historischen Methoden, Zürich 2011.

Nathaus, Klaus: Sozialgeschichte und Historische Sozialwissenschaft, in: Docupedia Zeitgeschichte, 24.09.2012. https://docupedia.de/images/f/f3/Sozialgeschichte_und_Historische_Sozialwissenschaft.pdf [Stand: 20.11.2016].

Stettler, Peter: Die Kommunistische Partei der Schweiz 1921-1931. Ein Beitrag zur schweizerischen Parteiforschung und zur Geschichte der schweizerischen Arbeiterbewegung im Rahmen der Kommunistischen Internationale, Bern 1980.

Vuilleumier, Marc: Eine internationale Führungsfigur des Sozialismus, in: Degen, Bernhard/Schäppi, Hans/Zimmermann, Adrian (Hg.): Robert Grimm. Marxist, Kämpfer, Politiker, Zürich 2012, S. 69-92.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s