Von Sprach- und Erkenntnisgrenzen

Die deutsche Konjunktion »und« wird im Russischen mit einem verbindenden »И« und einem vergleichenden »A« sprachlich differenziert. Was man schulterzuckend zur Kenntnis nehmen könnte, bietet reichlich Stoff für einen sprachphilosophischen Exkurs.

Es lässt sich festhalten, dass das Russische in Bezug auf diese spezifische Konjunktion die sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten besser ausschöpft und die semantische Tiefe des Wortes besser ausleuchtet. Aussagelogisch Bewanderte sind mit gewissen Unzulänglichkeiten der deutschen Sprache bereits vertraut. So kann zum Beispiel die Disjunktion »oder« sowohl ausschließend („A oder B“) als auch nicht-ausschließend („A oder B oder beides“) gemeint sein. Alltagssprachlich mag diese Nicht-Differenzierung von geringer Relevanz sein, da das ausschließende Oder ohnehin viel geläufiger ist. Und trotzdem setzt uns die deutsche Sprache hier eine kommunikative Grenze, indem sie diese Mehrdeutigkeit begrifflich einebnet und uns – was weitaus tragischer ist – dadurch, dass sie sich um diesen Unterschied foutiert, uns als erkennende Subjekte im Stich lässt. Um auf das eingehende Beispiel zurückzukommen: Ein Russe kann sich in Bezug auf die Konjunktion »und« nicht nur präziser als ein Deutscher ausdrücken, sondern hat durch diese sprachliche Sensibilisierung auch eine klareren und sublimeren Begriff von der Konjunktion »und«.

kopf-augeNatürlich handelt es sich hierbei nicht um eine spezifische Unzulänglichkeit der deutschen Sprache, sondern ist allen Sprachsystemen gleichermaßen inhärent. Dieser sprachlich bedingte Informationsverlust hat beachtenswerte Implikationen. Denn man stelle sich nun vor, es gäbe eine Sprache, welche eine noch sublimere Differenzierung des „Und“ kennt (das mag durchaus für eine Sprache zutreffen, nur liegt das außerhalb meines Wissenshorizonts). Dieser Regress führt einen irgendwann zur Frage, ob man sich überhaupt einen genuinen Begriff eines geschriebenen oder gesprochenen Wortes machen kann, da sich die äußere Wirklichkeit niemals auf zufriedenstellende Weise sprachlich fassen lässt, sondern immer nur eine abstrahierende Vereinfachung ebendieser darstellt. So gesehen funktionieren Sprachsysteme ähnlich wie Theoriesysteme. Beide fungieren als Medium einer Idee, die aus einem empirischen Eindruck oder einer beobachteten Regelmäßigkeit gewonnen wurde und versuchen diese intersubjektiv „nachempfindbar“ zu machen, indem sie es in vorgefertigte Sprachformen gießen. Doch ihnen ist auch eigen, dass sie das Besondere, das von der sprachlichen Bezeichnung oder von der Theorie nicht hinreichend Definierte oder das Abweichende nicht erfassen; erheben aber auch nicht den Anspruch darauf. Sie begnügen sich mit der Vereinfachung und dampfen damit alle Attribute des bezeichneten oder beschriebenen Äußeren geradezu gewaltsam ein.

Auch Nietzsche nahm sich dieser Sache an, ging dabei jedoch noch einen Schritt weiter. Seiner Ansicht nach ist die Sprache eine leere Tautologie, ja eine Lüge:

„Denken wir besonders noch an die Bildung der Begriffe. Jedes Wort wird sofort dadurch Begriff, daß es eben nicht für das einmalige ganz und gar individualisierte Urerlebnis, dem es sein Entstehen verdankt, etwa als Erinnerung dienen soll, sondern zugleich für zahllose, mehr oder weniger ähnliche, das heißt streng genommen niemals gleiche, also auf lauter ungleiche Fälle passen muß. Jeder Begriff entsteht durch Gleichsetzen des Nichtgleichen. So gewiß nie ein Blatt einem andern ganz gleich ist, so gewiß ist der Begriff Blatt durch beliebiges Fallenlassen dieser individuellen Verschiedenheiten, durch ein Vergessen des Unterscheidenden gebildet und erweckt nun die Vorstellung, als ob es in der Natur außer den Blättern etwas gäbe, das »Blatt« wäre, etwa eine Urform, nach der alle Blätter gewebt, gezeichnet, abgezirkelt, gefärbt, gekräuselt, bemalt wären, aber von ungeschickten Händen, so daß kein Exemplar korrekt und zuverlässig als treues Abbild der Urform ausgefallen wäre. Wir nennen einen Menschen »ehrlich«; warum hat er heute so ehrlich gehandelt? fragen wir. Unsere Antwort pflegt zu lauten: seiner Ehrlichkeit wegen. Die Ehrlichkeit! Das heißt wieder: das Blatt ist die Ursache der Blätter. Wir wissen ja gar nichts von einer wesenhaften Qualität, die »die Ehrlichkeit« hieße, wohl aber von zahlreichen individualisierten, somit ungleichen Handlungen, die wir durch Weglassen des Ungleichen gleichsetzen und jetzt als ehrliche Handlungen bezeichnen; zuletzt formulieren wir aus ihnen eine qualitas occulta mit dem Namen: »die Ehrlichkeit«. Das Übersehen des Individuellen und Wirklichen gibt uns den Begriff, wie es uns auch die Form gibt, wohingegen die Natur keine Formen und Begriffe, also auch keine Gattungen kennt, sondern nur ein für uns unzugängliches und undefinierbares X. Denn auch unser Gegensatz von Individuum und Gattung ist anthropomorphisch und entstammt nicht dem Wesen der Dinge, wenn wir auch nicht zu sagen wagen, daß er ihm nicht entspricht: das wäre nämlich eine dogmatische Behauptung und als solche ebenso unerweislich wie ihr Gegenteil.“ Friedrich Nietzsche: Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn

Dieser Kurzartikel ist open end, wird also nach und nach überarbeitet. Inputs willkommen.

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