Eine theoretische Erweiterung des Ansatzes der sozialen Erwünschtheit

Es ist eine Grundschwierigkeit der Umfrageforschung, die Befragten so zu wählen oder gewichten, dass ihre Gesamtheit möglichst den nationalen Bedingungen entspricht und zudem allfällige Störfaktoren in der Evaluation mitzuberücksichtigen. Nur unter diesen Bedingungen sind repräsentative Umfragen erst möglich.

Eine wissenschaftliche und empirisch hoch-evidente Faustregel bezüglich des Meinungsbildungsprozesses besagt, dass je näher man einer Volksabstimmung kommt, desto mehr holt das Nein-Lager auf. In manchen fällen führte dieser beobachtbare Effekt gar zur Ablehnung einzelner Vorlagen. Der Hauptgrund für diesen Mechanismus liegt darin, dass man in der Anfangsphase einer Abstimmung vor allem die von der Vorlage aufgegriffenen Probleme betrachtet (Zustimmung zur Vorlage hoch) und sich tendenziell erst in der Schlussphase mit den konkret vorgeschlagenen Lösungen befasst (Zustmmung zur Vorlage sinkt). (Vgl. Longchamp 2009)

Ein prominentes Beispiel, bei dem dieser Mechanismus nicht griff, war die Anti-Minarett-Initiative im Jahre 2009. Die Divergenz zwischen den Ergebnissen der Vorbefragungen und dem effektiven Abstimmungsresultat hat die politikwissenschaftliche Gemeinschaft vor arge Ratlosigkeit gestellt. Denn es zeigte sich ein einmaliges Phänomen: Erstmals überhaupt in der Geschichte der schweizerischen Volksabstimmungen hat bei einer Vorlage der Ja-Stimmenanteil bei der Endphase im Vergleich zu den Vorumfragen derart stark zugelegt, dass die Vorlage schliesslich mit einer beachtlichen Zustimmung von 57.5% angenommen wurde. Was war passiert?

* Lesebeispiel: Bei der ersten Vorumfrage zur Minarettverbots-Initiative (1. Welle) wiesen 41 Prozent der Befragten eine inhaltliche Nein-Tendenz auf (53 Prozent der bestimmt Teilnehmenden gab an, Nein stimmen zu wollen), 51 Prozent tendierten argumentativ zur Pro-Seite. Die Werte der Vorumfragen sind nach Sprachregionen gewichtet, ansonsten wurde der Vergleichbarkeit wegen auf Gewichtungsfaktoren verzichtet. Vgl. Tabelle 2. (S. 17) in der Studie.

Ein Blick auf die von Simon Lanz (polithink) angefertigte Graphik auf Basis eines von SRG in Auftrag gegebenen Studienberichts (siehe Quellenverzeichnis) zeigt, dass sich zu Beginn bei der 1. SRG-Trendumfrage eine relativ hohe Diskrepanz zwischen inhaltlich-argumentativer Positionierung und Stimmabsicht abzeichnete und zwar sowohl auf der Pro-, als auch auf der Contra-Seite — was weiter nicht unüblich ist. Interessant wird es, wenn man die weiteren Entwicklungen genauer anschaut: Während bei der 2. Trendumfrage die Stimmabsicht beim Contra-Lager trotz höherer inhaltlicher Kongruenz gleich blieb, hat zum selben Zeitpunkt beim Pro-Lager bei gleichbleibender inhaltlicher Stimmtendenz die Stimmabsicht um geschätzte 4 Prozentpunkte zugenommen. Noch spannender ist die Entwicklung zwischen der 2. Trendumfrage und den Vox-Nachbefragungen: Während bei der Contra-Seite die Stimmabsicht trotz höherer inhaltlicher Übereinstimmung abnahm, ist auf der Pro-Seite die Stimmabsicht trotz geringerer inhaltlicher Übereinstimmung um beachtliche 16 Prozentpunkte gestiegen, was sich dann in der Annahme der Vorlage manifestierte. Diese offensichtlich widersprüchliche Situation, dass man gegen die eigene argumentative Position votiert, hat viele Gründe. Unter anderem, dass sich die Stimmabsicht nicht bloss aus argumentativen Überlegungen konstituiert, sondern auch noch anderen Logiken folgt, so z.B. Heuristiken oder unverhandelbaren Werteeinstellungen, was mich zum nächsten Punkt bringt.

Ein Mitgrund für den ungewöhnlichen Verlauf des Meinungsbildungsprozesses bei der Anti-Minarett-Vorlage, insbesondere dem sprunghaften Ja-Anstieg zwischen der 2. Trendumfrage und der Vox-Nachbefragung, könnte das Phänomen der sozialen Erwünschtheit sein. Demnach geben Befragte eher jene Antworten an, von denen sie glauben, sie träfen eher auf Zustimmung als ihre eigentliche Antwort, bei der sie soziale Ablehnung befürchten.

Obwohl es praktisch unmöglich ist, den verzerrenden Effekt der sozialen Erwünschtheit mit wissenschaftlichen Mitteln nachzuweisen, so bin stark davon überzeugt, dass dieser Effekt bei der Anti-Minarett-Vorlage und übrigens auch bei der Masseneinwanderungsinitiative, bei der ein ähnlicher Meinungsbildungsprozess zu beobachten war, eine von der Forschung stark unterschätze Einflussgrösse bzw. Störfaktor darstellt.

Meiner Einschätzung nach war bei beiden Vorlagen, sowohl der Anti-Minarett-Initiative als auch der Masseneinwanderungsinitiative, die soziale Norm ganz klar auf der Contra-Seite. Zudem ist es einfacher, mit einem Nein einer möglichen Diskussion zu entkommen, als die eigene Ja-Position konsequent und zeitaufwändig begründen und allenfalls verteidigen zu müssen. Ausserdem entgeht man bei einem Nein dem Stigma der Fremdenfeindlichkeit — ein von den Gegnern der Initiatie(n) nicht selten genutztes Denunziationsinstrument.

Obwohl der Ansatz der sozialen Erwünschtheit im politikwissenschaftlichen Meinungsbildungsdiskurs noch kaum erforscht wurde und deswegen über die faktische Relevanz dieser Einflussgrösse nur gemutmasst werden kann, so wage ich trotzdem eine theoretische Erweiterung des Ansatzes, da ich, wie bereits erwähnt, davon ausgehe, dass der Effekt der sozialen Erwünschtheit bis anhin stark unterschätzt wurde und sich somit die theoretische Auseinandersetzung mit der Problematik lohnt.

Meiner Hypothese zufolge spielt der Effekt der sozialen Erwünschtheit eher dann eine Rolle, wenn die Befragten eher von einem Ja-Entscheid ausgehen oder zumindest der Vorlage eine reelle Chance beimessen — bei einem antizipierten Nein-Entscheid hingegen würde die eigene Stimmabgabe hinfällig. Man zählt sich demnach zwar zu einer (knappen) quantitativen Mehrheit, ist sich aber darüber bewusst, dass die eigene Stimmabsicht in Widerspruch steht mit sozialen Wertesystemen. Der Druck oder die Motivation, die eigene Stimmabsicht zu verschleiern, steigt folglich.

Somit wäre die Intensität des Effektes der sozialen Erwünschtheit auch ein mögliches Indiz für den Ausgang einer Vorlage: Je höher der Effekt, desto wahrscheinlicher die Annahme der Vorlage.

Ob und wie stark sich meine Hypothese bewahrheitet, hängt im Wesentlichen davon ab, wie stark sich die künftige Forschung mit dem Phänomen der sozialen Erwünschtheit auseinandersetzen wird. Zudem müssen sich für die Erklärungskraft des Phänomens der sozialen Erwünschtheit schlicht mehr Untersuchungsfälle anbieten — wer weiss, vielleicht wird mit der Ecopop-Initiative der dritte Untersuchungsfall geboren.

Sandro Lüscher

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Quellen/Literatur:

Lanz, Simon (polithink.ch, 2010): Die Meinungsbildung bei der Minarettinitiative, Link: polithink.ch/2010/08/24/die-meinungsbildung-bei-der-minarettinitiative/ [Stand: 26.10.2014].

Longchamp, Claude (gfs.bern, 2009): Anti-Minarett-Initiative: Ja nimmt zu — Nein unverändert stärker, Link: www.gfsbern.ch/de-ch/Detail/anti-minarett-initiative-ja-nimmt-zu-nein-unveraendert-staerker-1434 [Stand: 26.10.2014].

Milic, Thomas/Freitag, Markus/Vatter, Adrian (2010): Der Einfluss von Umfragen auf den direktdemokratischen Meinungsbildungsprozess.Studienbericht im Auftrag der Chefredaktorenkonferenz der SRG, Link:http://www.ipw.unibe.ch/unibe/wiso/ipw/content/e190744/e190745/e8241/files8242/SRG-Studie160810_ger.pdf [Stand: 26.10.2014].

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