Hat sich in der Schweiz ein neuer Politikstil eingeschlichen?

Für dieses Semester habe unter anderem die Studium-Generale-Vorlesung “Soziale Ungleichheit — Armut und Reichtum in hochentwickelten Ökonomien” am soziologischen Institut bei Professorin Katja Rost gebucht. Wir haben uns unter anderem mit der Einkommenssituation in der Schweiz befasst, wobei eine Vorlesungsfolie (kopiert von Piketty & Atkinson, 2007) meine vollste Aufmerksamkeit erweckte:

Die Folie bringt folgendes zum Ausdruck: Bei den höchsten Einkommensklassen gab es seit der Nachkriegszeit keine signifikanten Veränderungen mehr — die soziale Ungleichheit ist relativ stabil geblieben. Frau Rost hat hinzugefügt, dass sich bis auf die unteren Einkommensschichten, bei denen ein leichter Anstieg zu verzeichnen sei, die Umverteilungsverhältnisse generell nicht gross verändert hätten.

Ehrlich gesagt war ich über diese empirischen Befunde recht erstaunt, zumal auf diversen Kanälen von einer steigenden Ungleichheit, Öffnung der Lohnschere und der Zuspitzung der Klassengegensätzen die Rede ist.

Frau Prof. Rost warf die Frage in die Runde, weshalb in der Schweiz die ungerechte Einkommens- und Vermögensverteilung ein Thema ist, obwohl es dafür eigentlich keine empirische Evidenz gibt?

Spontan dachte ich, dass gleichbleibende Ungleichheit halt Ungleichheit bleibt und es überhaupt keinen Anlass zur Handlungspassivität gibt.

Sie beantwortete nach ein paar Fehlversuchen meiner Kommilitonen die Frage selber, mit dem Hinweis, dass es hierzu (noch) keine eindeutige Antworten aus der Wissenschaft gäbe.

Sie führte folgende zwei Hypothesen an:

  1. Realitätsspiegelung: Das Phänomen der grassierenden sozialen Ungleichheit in umliegenden Leitkulturen (Deutschland, Frankreich, USA) würde auf die hiesigen Verhälntnisse projeziert. Diese Hypothese klassifizierte sie als “weniger wahrscheinlich”.

2. Einzelne Ausreisser werden zu einem Phänomen generalisiert: Gemäss dieser Hypothese (analog zur black swan theory), werden einzelne Ausreisser, z.B. die Lohnexzesse von Daniel Vasella, als ein generelles Problem (Suggestion: alle Manager sind Abzocker) dargestellt, was natürlich der vollsten Intention seiner Gegner entspricht, denn diese wollen schlussendlich eine gerechtere Umverteilung. Dieser These sprach sie eine höhere Wahrscheinlichkeit zu.

Den zweiten Punkt fand ich aus politologischer Sicht äusserst anregend. Denn ich merkte, dass ich, vor allem in Bezug auf das Umverteilungsbeispiel, selber “Opfer” dieser subtilen Kultivierung politischer Botschaften wurde.

Nach kurzem Grübeln spannte ich den Faden weiter und merkte, dass sich solche Beispiele in allen politischen Richtungen finden lassen — sei es der unverbesserliche Sozialbetrüger Carlos bei der SVP oder eben der amoralische Abzocker Daniel Vasella bei der JUSO.

Ich persönlich kenne keinen Ansatz aus der politischen Theorie, der diesen induktiven Politikstil reflektiert. Aus meiner Sicht ist diese Strategie, gerade weil sie so wirkungsvoll ist, ziemlich gefährlich. Denn sie konstruiert eine Wahrnehmung jenseits empirischer Tatsachen und führt so zu einer verzerrten Perzeption der Realität.

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