Essay zur weiblichen Genitalbeschneidung im westeuropäischen Kontext von 1850-1918

  1. 1 Vorwort

Es kommt einem Privileg gleich, einen Gegenstand bearbeiten zu dürfen, dessen Geschichte sich als Produkt so zahlreicher disziplinärer Verflechtungen enthüllt und somit eine Vielzahl verschiedener Erklärungsversuche erlaubt (oder erfordert!). Dabei reichen die Erklärungen des Beschneidungsphänomens von medizinischen, über soziale, anthropologische bis hin zu ethisch-philosophischen Ansätzen. So zahlreich die angeführten Begründungsmuster auch sein mögen, eine Vorstellung ist allen inhärent, nämlich, dass die weiblichen Genitalorgane als etwas Unreines, Lästiges, Unästhetisches, Überflüssiges, ja sogar als etwas Körperfremdes erachtet wurden. Genau an diesem Punkt knüpft die vorliegende Arbeit an. Es wird der Frage nachgegangen, mit welchen Argumenten die Klitoridektomie, also die operative Entfernung der Klitoris (und z.T. weiterer Geschlechtsorgane), von deren Anwender gesellschaftlich legitimiert wurde. Musste man überhaupt gegenüber der Gesellschaft Rechenschaft über solche Eingriffe ablegen? Oder konnte sich die weibliche Beschneidung überhaupt erst durch die gesellschaftstrukturellen Veränderungen im westlichen Kulturkreis etablieren? Wenn ja, welche sozialen Wandlungen könnten explizit dazu beigetragen haben? Mit solchen kritischen Fragen wird versucht, die komplexen Zusammenhänge der Klitoridektomie auf einer Metaebene zu erfassen und verständlich zu erläutern.

Allumfassend kann man also sagen, dass die Klitoridektomie in der vorliegenden Arbeit auf zweierlei Stufen reflektiert wird. Erstens werden die Gründe für den Eingriff seitens deren Anwender angeführt. Zweitens werden die Gründe gesellschaftshistorisch relativiert. Das heisst, dass der kontextuelle Rahmen der damaligen Gesellschaft mitberücksichtigt und aus diesen neuen Perspektiven das Phänomen der Klitoridektomie neu beurteilt wird. Diese thematische Trennung hat den einfachen Grund, dass sich die inhaltlichen Argumente der damaligen Zeit von jenen ex post klar unterscheiden lassen.

  1. 2. Anmerkung bezüglich der Terminologie

Ein sorgfältiger Umgang mit der Terminologie scheint mir von grosser Wichtigkeit. Grund dafür ist, dass es sinnfrei wäre, sich mit zeitgenössischen Begriffen an das historische Thema heranzutasten. Denn die heutigen (moralischen) Begriffe, wie z.B. Genitalverstümmelung, sind Resultat einer gegenwärtigen, menschrechtsgeprägten Konfrontation mit dem Thema und sind somit aus anachronistischen Gründen vorzugsweise zu meiden. Dies auch ein Kritikpunkt an die Autoren der Sekundärliteratur, die das spannende Thema moralisch ausschlachten, und somit die Grundlage für eine sachliche Auseinandersetzung mit dem Thema de facto schon im Vornherein unterbinden.

  1. 1 Zusammenfassung der wichtigsten Forschungsergebnisse

Während zur Anwendungszeit die weibliche Genitalbeschneidung hitzig debattiert wurde, schien das Thema nach der Abschaffung des Eingriffes für lange Zeit vergessen. Nach einer ‚langen Zeit des Schweigens‘ findet das Thema nun Zugang in die aktuelle Forschungsliteratur. Hulverscheidt (2002)  und Kölling (2008) widmen sich in ihren Arbeiten vor allem der medizinischen Dimension des Beschneidungsphänomens und verschaffen dabei dem Leser einen Eindruck vom Ausmass des Eingriffes. Lightfoot-Klein (2003) geht noch weiter und unterstellt das Beschneidungsphänomen einem Vergleich: Sie vergleicht die Beschneidungssituation afrikanischer Ländern mit jener des damaligen Europa und zieht dabei ‚unschöne‘ Parallelen.  Doch nebst dem kulturkritischen Unterton formuliert sie auch klare Ziele im Hinblick auf die heutige Situation und bietet klare Handlungsstrategien an. Lightfoot-Klein gilt als Avantgardistin auf dem Gebiet der gegenwärtigen Beschneidungsdebatte und wird als Referenzautorin gehandelt. Eine etwas andere, kritischere Sichtweise beleuchtet das Beschneidungsphänomen unter dem Gesichtspunkt des sozialen Kontextes. Bartels (2012), Braunschweig (2013) und Grosse (2000) verbinden das Beschneidungsphänomen mit den strukturellen Ausprägungen der damaligen Gesellschaft. Ziel dabei ist es, die weibliche Genitalbeschneidung nicht als ein isoliertes Phänomen verständlich zu machen, sondern die Beschneidung in den sozialen Kontext der damaligen Zeit einzubetten. Die betreffenden Autoren argumentieren folglich, dass die Beschneidung kein ‚abgesonderter Auswuchs‘ der damaligen Medizin sei, sondern dass sie eher als ein              (Neben-)Produkt einer normativen Umstrukturierung der Gesellschaft zu verstehen ist.

  1. 1 Gründe für den Eingriff

Wie wurde die Klitoridektomie aus wissenschaftlicher Perspektive legitimiert?

Im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert herrschte eine gesellschaftlich tief verankerte, omnipräsente Angst vor der Sexualität[1], welche, so muss man auch sagen, bloss einen oberflächlichen Charakter aufwies. Oberflächlich insofern, als dass die Sexualität einerseits im öffentlichen Diskurs stark tabuisiert wurde, andererseits jedoch wurde die Prostitution (als moralisch verachtenswerteste Form der sexuellen Praxis) als legitimes Mittel für die männliche Triebbefriedigung angesehen.[2] Von dieser doppelmoralischen Komponente des bürgerlichen Sexualitätsbegriffes abgesehen, sah man sämtliche ausserehelichen sexuellen Begierden der Frau als unnütz, schädlich und krankhaft. Masturbation, Hypertrophie[3] der Klitoris, Nymphomanie[4], Lesbianismus, Hysterie, etc. wurden als charakteristische Merkmale zum Aushängeschild für einen krankhaften weiblichen Geschlechtstrieb hochstilisiert, den es mit allen Mitteln zu unterbinden galt.[5] Diese Pathologisierung der weiblichen Sexualität ebnete der Medizin, Psychiatrie und der Gynäkologie freie Hand für die Anwendung absonderlichster Massnahmen zur Unterbindung des weiblichen Geschlechtstriebes, u.a. der Klitoridektomie. Darüber hinaus internalisierte sich der weibliche Genitalapparat zum Ursprung allen unsittlichen Verhaltens, welches von Frauen und Mädchen ausging. Nicht nur körperliche oder geistige Anomalitäten der Frau zogen die Klitoridektomie nach sich, sondern es zeichnete sich eine schnell ansteigende Erweiterung der vermeintlichen Ursachen ab. Die Gründe zogen sich von der Neigung zum Schulschwänzen über Kleptomanie, bis hin zum niedrigen Sozialstatus der Betroffenen.[6] Ein anschauliches Beispiel für die Relevanz des Sozialstatus in Bezug auf das diagnostische Urteil liefert das folgende Zitat aus der Schrift Baker Brown’s On the curability of certain forms of insanity, epilepsy, catalepsy, and hysteria in females:[7]„Miss E.R., 34, single; no occupation, living with her friends […]. Never had an offer of marriage.[8]

Dieses Rechtfertigungschema, welches den sozialen Status als vermeintliche Legitimation anführt, liesse sich an mehreren Beispielen erweitern, was jedoch nicht meiner tieferen Absicht entspräche. Denn damit wollte ich lediglich zum Ausdruck bringen, dass die Anwendung der Klitoridektomie kein homogenes, stringentes Argumentationsmuster vorweist. Während anfänglich die medizinischen und therapeutischen Argumente den Eingriff legitimierten, weiteten sich die Rechtfertigungen immer mehr in alle Richtungen aus. Viele Anwender der Klitoridektomie liessen sich zudem von einem kausalen Fehlschluss (bewusst) fehlleiten: Anstatt die Symptome (Masturbation, Hysterie, Reizungen im Genitalbereich etc.) als solche zu erkennen, sah man in ihnen bereits die vorgebliche Ursache. Und da man bekanntlich die Ursachen bekämpfen sollte, schien die Klitoridektomie ein geeignetes Mittel für die Unterbindung der sexuellen Gelüste zu sein. Dass diese „pathologischen“ sexuellen Begierden (die ja eigentlich nicht anomal, sondern Teil des natürlichen Sexualtriebes sind) dagegen bloss die Symptome für völlig andere Ursachen sein könnten, schlossen die Anwender komplett aus.[9]

 

  1. 2 Analyse unter dem Gesichtspunkt der Hygienebewegung

 

Um das Phänomen der Klitoridektomie genauer verstehen können, ist es unausweichlich, sich mit dem historischen Kontext der damaligen Gesellschaft vertraut zu machen. Die wegweisenden und zielführenden Fragen lauten demnach: Von welchen idealistischen Vorstellungen war der Sexualitätsbegriff der damaligen Gesellschaft geprägt? Und welche Auswirkungen hatten diese Vorstellungen auf die Praxis der damaligen Sexualmedizin?

Die bürgerliche, meritokratisch-organisierte westeuropäische Gesellschaftsordnung des 19. Jahrhunderts unternahm einen Bruch mit der aristokratischen Oberschicht: Anstelle der feudalistischen Prinzipien traten nun die Vorstellungen einer biologischen Leistungsgemeinschaft.[10] Das kollektive Selbstverständnis verband de facto den gesellschaftlichen Leistungserfolg mit der Auffassung eines „reinen Volkskörpers“. [11] Dieser eugenische Gesellschaftsentwurf veränderte den Sexualitätsdiskurs grundlegend. Die sexuelle Praxis beschränkte sich (zumindest theoretisch-ideell) fortan bloss noch auf den Aspekt der (gesunden) biologischen Reproduktion. Eugenische Massnahmen zielten darauf ab, das sexuelle Verhalten der Bevölkerung zu kontrollieren und falls nötig, auch zu regulieren: „Sexuelles Verhalten war nicht mehr allein eine Frage der Moral, sondern auch eine Frage von Gesundheit und Krankheit und legitimierte nun entsprechende medizinische Eingriffe.“[12] Unter diese „Massnahmen“ fielen z.B. die Sterilisierung bzw. Kastration (von sowohl Frauen als auch Männern!), Infibulation und u.a. auch die Klitoridektomie (bei der die Gebärfähigkeit stark eingeschränkt wird[13]).

An dieser Stelle lohnt es sich, auf die eingehend gestellte Frage, ob sich die weibliche Beschneidung überhaupt erst durch die gesellschaftsstrukturellen Veränderungen im westlichen Kulturkreis etablieren konnte, zurückzukommen. Meiner Meinung nach besteht eine starke Evidenz für die Bestätigung dieser These. Die Medizin, Gynäkologie und die Psychologie wurden gesellschaftlich instrumentalisiert, um das gemeinschaftliche „Projekt“ – die Reinhaltung des Volkskörpers – zu realisieren. Man muss jedoch anfügen, dass die weibliche Beschneidung während ihrer Anwendungszeit niemals unumstritten praktiziert wurde. Es fanden simultan stets hitzig geführte Debatten rund um den Eingriff statt. So schrieb z.B. ein Zeitgenosse Baker Brown’s, den er in seinem Buch stark kritisiert:

Die Ausführung [der Klitoridektomie, S.L.] ist einfach als ein Unfug anzusehen, und es ist nicht zu verstehen, wie heute noch in verschiedenen gynaecologischen Handbüchern aufgefordert wird, weitere Versuche in dieser Hinsicht anzustellen, um beurtheilen [sic!] zu können, was die Clitoridectomie als Heilmittel gegen Masturbation und Nymphomanie zu leisten vermag. Ich glaube die Gynaecologie wird um einen Fortschritt reicher sein, wenn sie die Frage der Clitoridectomie als eine in unserem Sinne abgeschlossene betrachtet […].[14]

Die kritischen Stimmen wurden immer lauter und die Befürworter vermehrt an den Pranger gestellt. Um die 20. Jahrhundertwende einigten sich die gynäkologischen und medizinischen Fachkreise auf den Verzicht der Klitoridektomie. Die Nichteinhaltung hatte den Ausschluss aus der jeweiligen Ärztegemeinschaft zur Folge. An dieser Stelle bleibt zu sagen, dass dieses Umdenken in Bezug auf die Klitoridektomie als legitime Massnahme gegen diversere Krankheiten weniger auf moralische Argumentationen zurückzuführen ist, als vielmehr auf die Tatsache, dass sie als Heilmittel gegen ebendiese Krankheiten versagte.

 

  1. 1 Konklusion

So zahlreich die angeführten Gründe der damaligen Mediziner, Gynäkologen und Psychologen auch sein mögen – die Klitoridektomie ist als Produkt einer gesellschaftlichen, auf biologische Reinhaltung des Volkskörpers ausgelegte Bewegung zu verstehen. Psychologisch deviantes Verhalten der Frauen wurde auf einen krankhaften Sexualtrieb reduziert, der den „gesunden Volkskörper“ bedrohte. Unter diesem Gesichtspunkt schienen die medizinischen Eingriffe im weiblichen Genitalbereich gesellschaftlich legitim, wenn nicht sogar explizit erwünscht. Dies hatte die negative Folgewirkung, dass gewisse Mediziner die Anwendung der Klitoridektomie durch völlig realitätsfremde und willkürlich gewählte Gründe zu legitimieren versuchten. Trotzdem gab es vor allem aus dem wissenschaftlichen Lager kritische Stimmen, die den Eingriff weder aus moralischer noch aus wissenschaftlicher Sicht billigten.

[1] Diese Angst entsprang aus der christlichen Auffassung, dass die Lust den Bereichen des Todes und des Übels zuzuordnen sei und somit einer Untugend gleichkommt. Vgl. Kölling, 2008, S.64.

[2] Vgl. Bartels, Prostitution, 2012, S.6.

[3] Meint eine vergrösserte Klitoris.

[4] Meint das übermässige Verlangen der Frau nach Sexualität.

[5] Vgl. Kölling, Genitalverstümmelung im Diskurs, 2008, S.63ff.

[6] Vgl. Lightfood-Klein, Beschneidungsskandal, 1992, S.56.

[7] Vgl. Brown, On the curability of certain forms of insanity, 1866, S.72.

[8] Ebd., S.72. (Die kursive Schreibweise des zweiten Satzes ist keineswegs ein Abschreibversehen, sondern wurde vom Autor bewusst so gewählt.)

[9] Vgl. Kranz, Clitoridectomie, 1891, S.72.

[10] Vgl. Grosse, Kolonialismus, Eugenik und bürgerliche Gesellschaft, 2000, S.13.

[11] Vgl. Braunschweig, Eugenik und Sexualität, 2013, S.73ff.

[12] Ebd., S.74.

[13] Vgl. Hulverscheidt, Genitalverstümmelung im Diskurs, 2002, S.160.

[14] Kranz, Clitoridectomie, 1891, S.97.

  1. 0 Quellen- und Literaturverzeichnis

Bartels, Mette: Prostitution in der bürgerlichen Gesellschaft um 1900. Zwischen Ausgrenzung, Verachtung und Notwendigkeit, Hochschulschrift der Georg-August-Universität Göttingen, Göttingen 2012.

Braunschweig, Sabine/Imboden, Gabriela/Ritter, Hans Jakob et al.: Eugenik und Sexualität. Die Regulierung reproduktiven Verhaltens in der Schweiz 1900-1960, Zürich 2013.

Brown, Baker: On the curability of certain forms of insanity, epilepsy, catalepsy, and hysteria in females, London 1866.

Grosse, Pascal: Kolonialismus, Eugenik und bürgerliche Gesellschaft in Deutschland 1850-1918, Frankfurt am Main; New York 2000.

Hulverscheidt, Marion: Weibliche Genitalverstümmelung. Diskussion und Praxis in der Medizin während des 19. Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum, Frankfurt am Main 2002.

Kölling, Anna: Weibliche Genitalverstümmelung im Diskurs. Exemplarische Analysen zu Erscheinungsformen, Begründungsmustern und Bekämpfungsstrategien, Münster 2008 (Reform und Innovation, Beiträge pädagogischer Forschung).

Kranz, Melchior Fremont: Die Clitoridectomie. Historisch-kritisch dargestellt, Dissertationsschrift der Universität Strassburg, Strassburg 1891.

Lightfoot-Klein, Hanny: Der Beschneidungsskandal, Berlin 2003.

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